Der deutsche Rundfunk

Ein Überblick über die Geschichte 1923 - siebziger Jahre

Die Zwanziger Jahre - Wie alles anfing

Detektor mit Kopfhörer Zwanziger Jahre lupe
Detektor mit Kopfhörer

Der offizielle Rundfunkbetrieb startete am 29. Oktober 1923 im Voxhaus in Berlin. Aufgrund der restriktiven Politik der Reichstelegraphenverwaltung (R.T.V.) war der Rundfunkempfang zusätzlich zur damals schwierigen Technologie und den hohen Preisen für die Hörerschaft kein Zuckerschlecken: Um den Benutzer vom Innenleben fernzuhalten, mußten die ersten Geräte plombiert werden. Ende 1923 waren ca. 1000 Hörer registriert.

Meist diente ein einfacher Detektor zum Empfang. Sein Vorteil: Er enthält keine aktiven Bauelemente und benötigt dadurch keine Stromversorgung. Sein Nachteil: Er muß mit der über die Antenne "aus der Luft gegriffenen" Energiezufuhr vom Sender auskommen. Damit war seine Reichweite auf direkte Sendernähe begrenzt. Obendrein war das Hören nur sehr leise mit einem Kopfhörer möglich. Sein Potential: In größeren Serien war er preiswert zu produzieren.

Röhrenradio der Firma Rieder u. Zorn aus Neukölln mit Trichterlautsprecher lupe
Röhrenradio

So blieb es nicht aus, daß 1924 im ganzen Reichsgebiet das Rundfunkfieber ausbrach. In allen größeren Städten wurden Sender errichtet (kleine Leistung ca. 1 kW). Die Gesetze ließen den Selbstbau eines Empfängers zu, wenn der Bastler eine "Audionversuchserlaubnis" erworben hatte. An jeder Ecke wurden Firmen für Empfänger und Einzelteile gegründet. Die erste Hörermillion (registrierte) wurde 1926 überschritten. Das Sendernetz wurde mit "Nebensendern" für kleinere Städte und ländliche Gebiete ergänzt. Erste Batterieempfänger steigern Reichweite, Selektionsvermögen und erlauben auch, mehrere Personen gleichzeitig zuhören zu lassen. Die Ausgangsleistungen lagen deutlich unter 1 Watt - nicht nur wegen der in den Kinderschuhen steckenden Technik, sondern auch um den Anodenbatterieverbrauch für den Hörer erträglich zu halten.

Verbesserte und preiswertere Technik (u. a. für Netzteile) läßt ab 1928 die Röhrennetzempfänger in die Stuben einziehen.

Die Dreißiger Jahre - Ununterbrochen besser - Die Politik entdeckt das Radio

Superhet Sachsenwerk Eswe 1932 lupe
Sachsenwerk Eswe 1932

Durch die Leistungserhöhung der Hauptsender wurden noch große Empfangslücken anfang der 30er Jahre geschlossen. Ein- und Zweikreisempfänger waren vorherrschend. Der technisch auf heutigem Stand stehende Superhetempfänger konnte sich erst langsam Ende der Dreißiger Jahre bei Wohlhabenden einführen.

Die Politik erkannte im Radio ihr Sprachrohr und förderte dessen Verbreitung durch die "Zwangsverpflichtung" der Industrie zur Produktion des Volksempfängers zu einem vorgeschriebenen Preis. Damit geriet der Kauf eines Radios in finanzielle Reichweite der arbeitenden Bevölkerung. Die Technologie (AM-Bereiche) von Spitzengeräten der End-Dreißiger Jahre (Kategorie 1000 RM) wurde bis heute kaum überboten.

Volksempfänger DKE mit HF-Vorsatz und Adaptersockel lupe
Volksempfänger DKE

In den Kriegsjahren gab es kaum mehr Fortschritte und die Qualität ließ stark nach. Heutigen Restauratoren liegt der heraufgesetzte Bleigehalt des Lötzinns schwer im Magen. Es ist nicht nur schwerer lötbar, sondern diese Lötstellen sind auch anfällig für Kontaktprobleme.

Die vierziger Jahre - Zusammenbruch und Wiederaufbau

Röhrenradio Blaupunkt E 120 U eigentl BJ 1952 lupe
Blaupunkt E 120 U

Nach Kriegsende wurden Empfänger beschlagnahmt. Der Schwarzmarkt blühte. Die Besatzungsmächte verboten die Produktion von Empfängern, nicht aber den Verkauf von Einzelteilen. In diese Gesetzeslücke sprang der Radiobausatz "Heinzelmann" von Max Grundig. Eine gute Dokumentation ermöglichte auch "Nicht-Spezialisten", sich an den Bau heranzuwagen.

Nachdem die Alliierten bald die Zügel lockerer ließen, schossen Firmen wie Pilze aus dem Boden. Die Hersteller verarbeiteten aufgrund der Materialknappheit Wehrmachts- und Gebrauchtteile.

Die goldenen fünziger Jahre - Das Wirtschaftswunder

Grundig 3090 mit Spitzenklang lupe
Grundig 3090

Zu Beginn der Produktion wurden Serien der Enddreißiger wiederaufgelegt. Die Not, je Besatzungszone nur noch eine Mittelwellenfrequenz zur Verfügung zu haben, konnte der deutsche Rundfunk mit der Einführung der Ultrakurzwelle zur Tugend reifen lassen. Die erheblich gesteigerte Klangqualität (Störungsminimierung plus erweiterter Frequenzumfang) machte den erhöhten Technikaufwand für den zusätzlichen UKW-Bereich schnell wett. Durch den UKW-Technologievorsprung wird Deutschland Radio-Exportweltmeister.

Der Slogan "3D-Raumklang" suggeriert nur räumliches Hören. In der Realität wird das Tonsignal eines Kanales nur auf mehrere Lautsprecher aufgeteilt, die in alle Richtungen ausstrahlen.

Echtes Stereo hält Einzug. Da noch keine Rundfunksendungen in Stereo ausgestrahlt werden, kommen die Hörer nur durch den Anschluß eines Plattenspielers in den Genuß räumlichen Hörens.

Die sechziger Jahre - Der Transistor erscheint

Blaupunkt Derby 94720 Alltransistor lupe
Derby 94720

Die geschwungenen messingverzierten Holzgehäuse kommen aus der Mode. Kantige, schlichte Formen ("nordisches Design") dominieren.

Echtes Stereo greift auf den Rundfunk über. Stereo-Rundfunksendungen werden von Spitzengeräten mit automatischer Stereoumschaltung selber erkannt. Die Parallelschaltung beider NF-Tonkanäle wird dann aufgelöst. Der UKW-Bereich wird jetzt bis auf 104 MHz erweitert.

Uhrenradios mit Weckfunktion treten aus ihrem Schattendasein der 50er Jahre und erobern die Schlafzimmer.

Die 70er jahre - Blüte des Transistors

Taschensuper Aiwa BJ 1960 lupe
Aiwa BJ 1960

Der Trend weg von "alles in einem Gerät" zu den Einzelkomponenten wie Steuergerät, Verstärker und Lautsprecher setzt sich durch. Festabgestimmte Stationstasten halten Einzug. Monoradios werden nicht vom Markt verdrängt, sie behaupten sich als Zweit- und Drittgeräte am Markt. Erste integrierte Schaltungen tauchen auf.

Die neu erfundene Quadrofonie kann sich mangels Tonträger und mangels Kodierverfahren (Modulation) für den Rundfunk nicht einbürgern. Ohne entscheidende technische Neuerungen widmen sich die Hersteller mehr dem Design. Poppiges Aussehen breitet sich aus.

Nicht die Verdrängung der Röhren durch Transistoren (ab ca. 1960), sondern der Technologie- und Kostenvorsprung des fernen Ostens brachte letztendlich den Stern der hiesigen Radioindustrie zum sinken.