Der deutsche Rundfunk

Ein kurzer Abriß durch die Geschichte

I. Die Anfänge des Funkwesens 1795 - 1910

Dem Funkwesen liegen viele wegweisende Forschungen und Entwicklungen zugrunde. Viele namhafte Wissenschaftler waren daran beteiligt. Für die Menschen war es etwas Seltsames, daß eine Übertragung von Informationen auch ohne eine sichtbare Leitungsverbindung möglich sein sollte. Der englische Physiker James Maxwell wies 1864 auf die theoretische Existenz einer bis dahin unbekannten Strahlung hin, die sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Sie wird heute als Radiowellen bezeichnet.

1888 gelang es dem deutschen Physiker Heinrich Hertz, die elektromagnetischen Wellen experimentell nachzuweisen. Guglielmo Marconi, ein 20 jähriger Italiener, der nie eine Universität besucht hatte, begann 1894 mit den Herztschen Wellen zu experimentieren. Er konstruierte einen Sender, der aus einem Hertzschen Funkenerzeuger und einem Brandlyschen Kohärer bestand und sendete damit ein Funksignal durch den Raum, das eine Klingel zum Läuten brachte. Indem er die Funkenstrecke - der Abstand zwischen zwei elektrischen Leitern, den der Funke überspringt - zwischen Antenne und Erde verlegte, konnte er die Reichweite seiner Signale von 30 m bis auf etwa 3 km vergrößern. Der deutsche Physiker Karl Ferdinand Braun verlegte 1898 die Funkenstrecke in einen Schwingungskreis und koppelte ihn mit einer Antenne. Dadurch wurde es möglich, elektromagnetische Wellen in eine bestimmte Richtung zu senden. Für ihre Verdienste um die drahtlose Telegraphie erhielten Braun und Marconi 1909 gemeinsam den Nobelpreis.

Die Vorteile einer drahtlosen Telegraphie waren offensichtlich. Zwar hatte die Telegraphie mit Hilfe von Unterwasserkabeln, etwa zwischen Europa und den USA, das internationale Kommunikationswesen revolutioniert, doch waren die Kosten für die Leitungen unverhältnismäßig hoch. Die Verbindung brach häufig zusammen und die Leitungen konnten in Kriegszeiten leicht gekappt werden. Die drahtlose Telegraphie dagegen ermöglichte einen Nachrichtenverkehr, der nicht unterbrochen werden konnte und keinen großen technischen Aufwand erforderte. Vorerst mußten die Nachrichten noch in Morsesignale umgewandelt werden. Die Übertragung von Sprache wurde erst später möglich. Am Weihnachtsabend des Jahres 1906 gelang dem kanadischen Wissenschaftler Reginald Aubrey Fessenden die erste Funkübertragung von Sprache und Musik. Fessenden sendete aus seinem Laboratorium in Brant Rock im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts.

II. Die Militärstation Königs Wusterhausen 1911-1918

Wiege des Rundfunks in Deutschland

Die ersten Funkversuche vom Windmühlenberg bei Königs Wusterhausen, dem späteren Funkerberg, erfolgten mit Lichtbogensendern, die auf Lafetten montiert waren. Für deren Fortbewegung wurden Sechsspänner benötigt. Als Antenne der "ortsveränderlichen" Lichtbogensender verwendete man damals Drahtseile, sie an Drachen und Ballons befestigt waren. Die Versuche verliefen erfolgreich und erfüllten die Erwartungen, so daß man sich in der Obersten Heeresleitung entschloß, auf dem Windmühlemberg eine Militärfunkstation zu errichten. Bereits 1912 lagen Pläne für eine feste Station vor. Die Bauarbeiten, die 1913 begannen, wurden durch den Ausbruch des 1. Weltkrieges zunächst unterbrochen.

Der damalige Rittmeister von Lepel, dem später die Leitung der Militärfunkstation übertragen wurde, ließ zuerst zwei Baracken errichten. In diesen Baracken wurden 4 Lichtbogensender und Empfangseinrichtungen aufgestellt und Funkverkehr durchgeführt. Als Antenne diente damals ein bereits montierter 150 m hoher Mast, der einen Schrägdraht erhielt. Der Erfolg, der mit diesen Funkverbindungen erzielt wurde, beschleunigte letztendlich den weiteren Aufbau der Zentralfunkstation. Am 15. Juni 1916 ging diese Station in Betrieb. Den Rufnamen "LP" erhielt die Station nach dem ersten Stationsführer Major von Lepel. Die damaligen Funksenderanlagen, d.h. die Lichtbogensender oder die Poulsensender, sahen aus wie Dampfmaschinen. Auch die Empfangseinrichtungen waren mechanische "Klopfer", denn die "Elektronenröhre" war ja noch nicht erfunden. Einer der Lichtbogensender, der aus Heeresbeständen im ersten Senderraum des Hauses 1 zur Aufstellung kam, ist der Sender, der später für die ersten Übertragungen von Sprache und Musik verwendet wurde.

III. Die Hauptfunkstelle der deutschen Reichspost 1919-1926/27

Nach dem 1. Weltkrieg übernahm am 29. September 1919 die deutsche Reichspost die ehemalige Militärfunkstation und die Funkerkaserne. Die damals modernen Röhren-Sendersysteme sowie leistungsstarken Lichtbogen- und Maschinensender gingen für den Wirtschaftsfunk in Königs Wusterhausen in Betrieb. Die Empfangsanlagen erhielten ihren Standort in Berlin-Zehlendorf. Eine unmittelbare Beeinflussung zwischen Sender und Empfänger konnte somit vermieden werden. Die Ferntastung der ersten Röhrensender erfolgte von diesem Zeitpunkt an durch das Haupttelegraphenamt Berlin. Die Umbauarbeiten erfolgten unter der Leitung von Dr. Hans Bredow, der sich in den darauffolgenden Jahren den Ruf als "Vater des deutschen Rundfunks" erwarb. Seiner Idee, Sprache und Musik zu übertragen als "Rundfunk für jedermann", wurde mit den ersten Versuchen in Königs Wusterhausen der Weg bereitet. Das Zusammenspiel mehrerer Instrumente mit Sprache und Gesang war jedoch wegen der damals unbekannten akustischen Kopplung noch nicht möglich. Anfang 1920 fanden die ersten Versuche Instrumentalmusik zu übertragen, in einem provisorisch eingerichteten Studio im Haus 1 statt. Aus diesem wurde am 22. Dezember 1920 das erste Weihnachtskonzert live übertragen. Dazu sangen Postbeamte Weihnachtslieder. In Erweiterung des Wirtschaftfunkes wurden in den Jahren 1923 das Senderhaus 2, 1924/25 der Mittelturm und 1926 das Senderhaus 3 gebaut.

Der 1925 erbaute imposante Königs Wusterhausener Mittelturm wurde schnell von den Einheimischen der "Dicke" genannt und avancierte später sogar zum Wahrzeichen der Stadt. Der Mittelturm war ein auf der Welt einmaliges Bauwerk. Er hatte bei der Inbetriebnahme eine Höhe von 243 m. Im Jahre 1926 sollte diesem Turm noch eine Spitze von 40 m aufgesetzt werden. Damit hätte der Königs Wusterhausener Funkturm die stattliche Höhe von 283 m gehabt und wäre damit der höchste Turm der Welt gewesen, der für funktechnische Zwecke gebaut wurde. Der Versailler Vertrag ließ dies jedoch nicht zu. Dieses einmalige Bauwerk wurde am 13. November 1972 Opfer eines orkanartigen Herbststurmes.

IV. Der Deutschlandsender II und der Kurzwellenweltrundfunksender Zeesen

Die Deutsche Reichspost stand 1926/27 vor der Aufgabe, den Rundfunkdienst durch den Aufbau weiterer Sender quantitativ und qualitativ zu erweitern. Im Vordergrund stand dabei der Kurzwellenrundfunkdienst. Zum damaligen Zeitpunkt war die Sendestelle Königs Wusterhausen nicht mehr erweiterungsfähig. Bereits der Deutschlandsender II auf Langwelle war 1927 in Zeesen errichtet und in Betrieb genommen worden. Gegen Ende des Jahres 1926 begannen die Arbeiten an der neuen Großfunkstation in Zeesen. Die Firma Telefunken erhielt den Auftrag von der Reichstelegraphenverwaltung zum Bau und zur Montage einer Langwellenrundfunksenderanlage. Der neue Sender wich in seiner Bauweise von den vorher gebauten Modellen ab. Statt der bisherigen Schrankbauweise entschloß man sich erstmals für die offene Bauweise. Alle hochfrequenztechnischen Bauteile, wie Variometer, Drehkondensatoren, Röhren der großen Leistungsstufen, wurden frei im Raum aufgestellt und elektrisch verbunden. Mit diesen technischen Voraussetzungen wurde der Sender am 20. Dezember 1927 auf der Frequenz 240 kHz in Betrieb genommen. Im Oktober 1928 erteilte die Deutsche Reichspost den Auftrag, in Zeesen einen Kurzwellensender hoher Leistung zu errichten. Den Auftrag erhielt wiederum die Firma Telefunken.

Am 26. August erfolgt die Eröffnung des deutschen Kurzwellenrundfunkdienstes durch den so bezeichneten "Weltrundfunksender Zeesen" mit einer zur damaligen Zeit respektablen Sendeleistung von 8 kW. Zur Eröffnung wurde die Operette "Der Feldprediger" von Millöcker unter Leitung des Dirigenten Seidler-Winkler gesendet, anschließend folgten Nachrichten und zum Abschluß wurde von der "Berliner Funkstunde" Tanzmusik mit Egon Kaiser bis 00:30 Uhr übertragen. Das Programm wurde vom Deutschlandsender und vom Berliner Sender übernommen. Von Vorteil wäre es gewesen, wenn ein weiterer Sender zur Verfügung gestanden hätte. Aus diesem Grunde ließ die Reichspost noch im Jahre 1932 von der Firma Lorenz den zweiten Kurzwellen-Weltrundfunksender im Sendehaus 4 aufstellen. Dieser wurde im Herbst 1932 in Betrieb genommen, hatte gegenüber dem Telefunken-Sender acht Stufen, konnte aber nur die gleiche Ausgangsleistung an die Antenne abgeben.

V. Der Rundfunk als politisches Machtinstrument 1933-1945

Sendeturm auf dem Feldberg im Taunus lupe
Sendeturm Feldberg

Nach 1933 war Rundfunkhören in Deutschland zur staatspolitischen Pflicht geworden. Die Parole lautete: "Rundfunk in jedes deutsche Haus". Das Ziel war klar: nationalsozialische Propaganda an jedem Ort, zu jeder Zeit. Dazu benötigt man Rundfunkempfänger in großer Stückzahl und zu geringen Preisen. In ganz Deutschland erhielten 28 Rundfunkhersteller die Auflage zur Herstellung von Kleinradios. Mit Flugblattaktionen und Werbewagen wurde massiv für den Kauf von preiswerten Volksempfängern geworben. Bereits 1933 begann die Produktion der "Volksempfänger" mit der Typenbezeichnung "VE 301". Der Empfänger war dem Tag der Machtübernahme Hitlers gewidmet. Die Bezeichnung leitete sich aus "Volksempfänger 30.1." ab. Der Verkaufspreis einschließlich Antenne lag etwa 50% unter dem Preis gleichwertiger Markenempfänger. Er betrug anfangs 76.- Reichsmark. Bis zum 18. August 1933 dem ersten Tag der Funkausstellung in Berlin, wurden 100.00 Volksempfänger verkauft. Der Absatz lief so gut, daß der Preis kurz darauf auf 65.- Reichsmark fiel. Im Jahr 1938 kam ein Gerät auf den Markt, im Volksmund hinter vorgehaltener Hand auch "Goebbels-Schnauze" genannt. Es kostete nur 35.- Reichsmark und hatte die Typenbezeichnung "DKE 1938" (Deutscher Kleinempfänger). Nachdem der deutsche Rundfunk mit der Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 bereits seine politische Unabhängigkeit verloren hatte, wurde er mit der "Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen" vom 1. September 1939 gänzlich in den Dienst der Kriegspropaganda gestellt.

VI. Zeesen als Standort der Olympiasender und Schulungslager der Deutschen Reichspost und weiterer Einrichtungen 1935/36-1945

Zur Olympiade 1936 wurden zwei neue Sendehäuser 5 und 6 gebaut. In jedem Senderhaus war ein Sendersaal von 500 m2 für 4 Sender von 40 kW, später 50 kW Leistung vorhanden. Im Haus 5 wurden Telefunkensender aufgestellt und im Haus 6 Sender der Firma Lorenz.

Die Sendestelle Zeesen, die mit

  • Neun 50 kW Kurzwellen-Rundfunksendern
  • Einem 12 kW Kurzwellen-Rundfunksender
  • 24 Dipolwänden
  • Einer Rundstrahlantenne
  • Vier Rhombus-Antennen

als eine der größten nun für den Kurzwellen-Rundfunk errichteten Sendestellen galt, überstand den Zweiten Weltkrieg ohne Schaden und stellte den Betrieb am 26. April 1945 ein. Nach Kriegsende wurden die Sendeanlagen der Deutschen Reichspost demontiert und als Reparationsleistungen in die Sowjetunion verbracht. Alle Sendergebäude, Maste und Türme wurden gesprengt.

VII. Die Funksendestelle Königs Wusterhausen nach 1945-1994

Im Gebäude des Hauses 1 befinden sich noch viele interessante technische Anlagen. Eine davon ist ein Dieselmotor mit Generator aus dem Jahre 1936. Im Sendehaus 2 steht heute der legendäre Sender 21, der nach einer bewegenden Geschichte seinen festen Platz im Jahre 1948 hier auf dem Funkerberg erhielt. Dieser gittermodulierte 100 kW Mittelwellensender von Telefunken (Baujahr 1929/30) wurde nach der Sprengung der Antennenanlage am 16. Dezember 1948 in Berlin-Tegel innerhalb von 3 Tagen nach Königs Wusterhausen umgesetzt. Nach 3 ½ monatigem Wiederaufbau ging er am 20. März 1949 mit dem Programm des "Berliner Rundfunk" wieder in Betrieb. Dieser Sender war bis 1989 in durchgehendem Sendebetrieb und danach bis zum 14. Dezember 1991 Reservesender. Der Sender 21 steht seit 1972 unter Denkmalschutz. Im Haus 3 der Funkübertragungsstelle befinden sich zwei Langwellensender. Es handelt sich dabei um den ersten nach 1945 in Betrieb gegangenen Deutschlandsender und einen Eigenbau-Längstwellensender.

Der 100 kW Deutschlandsender wurde 1947 von den Firmen Telefunken und Lorenz aus Restteilen aufgebaut und von Technikern des Funkamtes Königs Wusterhausen im Jahre 1963/64 rekonstruiert. Gegenwärtig wird diese Anlage noch als Ersatzsender für den "Deutschlandsender-Kultur" genutzt. Der zweite Langwellensender im Haus 3 ist ein 70 kW Längstwellensender, der in den Jahren 1959/60 durch die Mitarbeiter des Funkamtes als Eigenbau errichtet wurde.

VIII. Das "Heute und Morgen" der Funkübertragungsstelle Königs Wusterhausen ab 1994

Seit der Wiedervereinigung Deutschlands wurde in allen drei Senderhäusern der Sendebetrieb schrittweise abgebaut. Der Sendebetrieb wird Anfang 1996 ganz eingestellt. Somit wird es auf dem Funkerberg keinen leistungsstarken Rundfunksendebetrieb mehr geben. Die TELEKOM wird von hier aus nur noch den Mobilfunk und die 1992/93 errichtete Fernsprechvermittlungsstelle für den Raum Königs Wusterhausen betreiben. Darum ist es um so wichtiger, den historischen Sendestandort Königs Wusterhausen als "Technisches Denkmal" zu erhalten.